

Im Rahmen der Vortragsreihe "Das Buch im digitalen Zeitalter" im Wintersemester 2011/12 gab es vier Vorträge. Der erste war die Buchpräsentation von Prof. Dr. Klaus G. Saurs Autobiographie "Traumberuf Verleger". Zur zweiten ergab sich die Möglichkeit die Generaldirektorin der Berliner Staatsbibliothek zur Zukunft des Buches zu befragen.
Der folgende Text ist der von ihr gehaltene Vortrag. Anlass ist auch die für das Jahr 2012 geplante Eröffnung des großen Lesesaals der Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz.
Die Vortragsreihe fand statt in der Druckerei Rüss in Potsdam, wofür wir herzlich danken. (Szenenphotos: Bettina Hamann)
Meine Damen und Herren,
Herr Professor Hobohm hat mich gebeten, heute vor Ihnen über „alte Bücher in neuen Lesesälen“ zu sprechen – über ein Thema also, das ja zunächst paradox erscheint.
Wenn wir heutzutage überhaupt noch neue Lesesäle bauen, dann doch wohl, so möchte man vermuten, wenn nicht für elektronische Medien, so doch zumindest für neue Bücher!
Nun baut man zwar allerorten auch neue Museen für alte Bilder – aber alte Kunst und alte Bücher sind bekanntlich zweierlei. Alte Meister dienen der kulturellen Bildung und haben unhinterfragt auch ein gehobenes architektonisches Ambiente verdient, sogenannte ‚alte Bücher’ hingegen haben keine nennenswerte Lobby, denn Bücher in der Bibliothek dienen ja der Information, der Wissenserweiterung – und wer mag sich schon der Kritik aussetzen, für veraltetes Wissen in jahrzehnte- und jahrhundertealten Büchern millionenschwere Lesesäle zu bauen?

Die Antwort – sie soll die erste von zehn Thesen meiner Ausführungen sein – ist so kurz wie deutlich: nicht jedes alte Buch ist unnütz; und viele Bücher sind nicht trotz, sondern wegen ihres Alters und ihrer inhaltlichen Überholtheit wertvoll. Ein medizinisches Fachbuch von 1968 hat in dem normalen Lesesaal einer Bibliothek nichts zu suchen, nicht einmal die Ausgabe dieses Buches von 1978, 1988 oder 1998. Die breite medizininteressierte Öffentlichkeit hat ebenso wie Studierende der Medizin und wie auch die in Forschung und Lehre Tätigen einen Anspruch darauf, mit den neuesten Standardwerken aller Zweige der Medizin versorgt zu werden.
Es existiert nun in der Bundesrepublik ein mehrstufiges und sehr differenziertes System der flächendeckenden Literaturversorgung durch die Bibliotheken: keine Bibliothek bietet alles, jede hat ein anderes Aufgabenprofil, aber alle gemeinsam sind in der Lage, quasi jeden Buch- und Datenbankwunsch zu erfüllen.
Und selbstredend sind, was die Information über medizinische Fakten betrifft, die aktuellen Forschungserkenntnisse stets die wichtigsten. Aber auch die medizinhistorische Forschung hat ihre Berechtigung und besitzt eine nicht zu unterschätzende Bedeutung, um die Genese der Forschungsentwicklung wissenschaftlich nachzeichnen zu können.
Die Staatsbibliothek zu Berlin ist nun spezialisiert auf derlei Quellen der Wissenschaftsgeschichts-schreibung – und folglich haben auch alte Bücher, sogar: gerade alte Bücher eine begründete Existenzberechtigung in unserem Lesesaal.


Ganz nebenbei sei auch angemerkt: was ist ein altes Buch? These 2: Manche alten Bücher sind noch gar nicht wirklich ‚alt’. Für manchen von uns sind schon Taschenbücher aus den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts alte Bücher.
Das holzhaltige Papier enthält Säure, die das Papier brüchig macht, das Layout der Bücher ist in die Jahre gekommen – zwar erst 35 Jahre alt, wird manch einer gleichwohl nicht zögern, in der Tat von einem ‚alten Buch’ zu sprechen. Ab welchem Alter aber ist ein Buch wirklich und objektiv ‚alt’? Wenn es aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg stammt, wenn es aus dem vorletzten Jahrhundert stammt und somit um 1890 gedruckt wurde? Es mag zunächst ein wenig elitär klingen, aber für eine Bibliothek wie die Staatsbibliothek sind dies noch keine wirklich alten Bücher.
Wir erwerben und pflegen mit besonderem Interesse die sogenannten Inkunabeln, auch Wiegendrucke genannt, Bücher aus jenen Jahren, als der jüngst entwickelte Buchdruck mit beweglichen Lettern noch in seiner Wiege lag. Dies sind seltene und kostbare Bücher, die in den Jahren von 1454 bis 1500 produziert worden. Anschließend folgen dann zunächst die Drucke des 16. Jahrhundert und die des 17. Jahrhunderts – bei mittlerweile 550 Jahren des Drucks mit beweglichen Lettern sind vor allem dies für uns die wirklich ‚alten Bücher’. Und eben diesen alten Büchern widmen wir uns in der Staatsbibliothek zu Berlin mit besonderem Nachdruck – ebenso wie auch allen historischen Themen. Der Wissenschaftsgeschichte in allen Disziplinen mit historischen und zeitgenössischen Quellen so gut wie möglich den Weg zu ebnen, ist eines unserer vorrangigen strategischen Ziele.
Doch sind dies selbstredend Ausnahmen in der deutschen Bibliothekslandschaft. Wie eben schon angesprochen: Der zeitgenössische Naturwissenschaftler oder Mediziner greift, wenn er sich über den Fortschritt in seinem Forschungsfeld informieren will, kaum noch zur Papierausgabe der jeweiligen Fachzeitschrift; den Weg in den Lesesaal seiner Universitäts- oder Institutsbibliothek kann er sich ersparen. Denn die elektronischen Ausgaben der naturwissenschaftlichen und technischen Periodika, die E-Journals, erlauben es, in Verbindung mit dem sogenannten remote-access, dem Datenbankzugriff vom persönlichen Arbeitsplatz aus, sich den Lesesaal und seine Inhalte in die private Umgebung zu importieren.
Nicht der Forscher bemüht sich mehr zum Buch, sondern der gewünschte Aufsatz, die benötigte Information wird sekundenschnell auf den Rechner des Benutzers gespielt. Eine in der Tat schöne neue Welt, die einmal mehr die ketzerische Frage provoziert: da der Lesesaal mit dunkelgrünen Tischlämpchen zunehmend überflüssig zu sein scheint - wozu dann noch der in der Tat kostspielige Neubau eines Lesesaals, wie die Staatsbibliothek zu Berlin ihn plant?

Lesesäle, zumindest Lesesäle, wie sie uns aus heutiger Sicht bekannt sind, werden in der Tat mittelfristig kaum mehr benötigt werden. Für eine lange Übergangszeit aber führt an den traditionellen Lesesälen kein Weg vorbei. Bücher beispielsweise, die aus konservatorischen Gründen nicht nach Hause entliehen werden können, müssen zwangsläufig innerhalb des Bibliotheksgebäudes eingesehen werden. Mit anderen Worten: erst wenn die letzte Amtsdruckschrift gescannt ist, wenn auch das vergessenste Kleinschrifttum mittels der OCR-Texterkennungssoftware in ein maschinenlesbares Format überführt und anschließend ins Netz gestellt wurde, können die Bibliotheken ihre Lesesäle schließen bzw. die Räumlichkeiten anderen Zwecken zuführen.

So einfach stellt sich die schöne neue Bibliothekswelt bisher jedoch bei weitem nicht dar - und eben deshalb, so meine dritte These, werden Lesesäle mittel- bis langfristig ihre Notwendigkeit nicht einbüßen. Denn die Geschwindigkeit, mit der das moderne, in unseren Tagen publizierte Buch (oder auch das historische Buch) durch einen elektronischen Volltext ersetzt wird, ist weitaus geringer als noch vor wenigen Jahren vorausgesagt. Bis tatsächlich auch das letzte Buch netzfähig gemacht ist, werden vor dem Hintergrund der Dimension der zu scannenden Büchern vermutlich Jahrzehnte vergehen. Bis dahin wird der schon beinahe totgesagte Lesesaal nicht zu ersetzen sein – und spricht einiges dafür, daß auch und gerade die jüngere Generation am gedruckten Buch mehr hängt als landläufig behauptet wird. Die Literaturwissenschaftlerin und Autorin Ruth Klüger war unlängst zu Gast in der Freien Universität, sie debattierte dort über das „Wesen des Buches“ und die – notabene! – Achtzigjährige ‚outete’ sich als begeisterte Nutzerin elektronischer Bücher.

Unhandlich und schwer seien Bücher, sie, Ruth Klüger, führe mittlerweile stets Hunderte von Büchern digital mit sich. Bei ihrer jugendlichen Zuhörerschaft stieß sie auf wenig Gegenliebe. „Unglückliche Gesichter aber im Hörsaal“, kommentierte der „Tagesspiegel“, „wo sich eine konservative Revolution formierte.“
„Ich will Bücher verleihen können, in ihnen Anstreichungen vornehmen und die Anstreichungen anderer sehen können!“, rief ein Student, und als eine ‚Dame in Grau’ von ihrer heimischen Bibliothek berichtete, in der Bücher ihres Großvaters aus dem 19. Jahrhundert stünden, da applaudierten die jungen Zuhörer. So gern die akademische Jugend im Studium auf elektronische Volltexte zurückgreift: nicht alles muß offenbar digital vorliegen. Vieles freilich schon.
Nur zu gerne würden Bibliotheken viel energischer digitalisieren und ein Gutteil der alten Bücher tatsächlich aus den Lesesälen entfernen – nicht zuletzt aus Bestandserhaltungsgründen.
Die Staatsbibliothek zu Berlin besitzt besonders dichte Bestände für Bücher, Zeitungen und Zeitschriften der Erscheinungsjahre von etwa 1870 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Das preußische Pflichtrecht, ein zu Beginn des 20. Jahrhunderts stark gestiegener Erwerbungsetat wie auch die Beteiligung am Projekt „Sammlung Deutscher Drucke“, bei dem die Staatsbibliothek sich, u.a. mit finanzieller Unterstützung der Volkswagenstiftung, bemüht, Bestandslücken dieses Zeitfensters zu schließen, haben zu einer einzigartigen Sammlungsdichte jener Epoche geführt - zu einem Bestand an Druckschriften freilich, der dem Zerfall preisgegeben ist.
Die Thematik ist seit langem bekannt: die steigende Alphabetisierung und das daraus resultierende Lesebedürfnis wie auch die sich rasant entwickelnden technischen Möglichkeiten im Buchdruck führten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einem immensen Anwachsen der Druckproduktion.
Das jahrhundertelang aus Hadern – also Lumpen – gewonnene Papier wurde zum einen zu teuer, zum anderen standen nicht länger ausreichend Lumpen als Papiergrundmasse zur Verfügung. Ergo wurde nach Auswegen gesucht: nach billigeren Papierarten. Dem Papierbrei wurde fortan eine Holzschliffmasse beigefügt, gebunden nun mit einem synthetischen Leim, der Aluminiumsulfat enthielt. Der Kontakt mit Sauerstoff aber ist diesem Papier in dramatischer Weise abträglich: wir alle kennen den ,Sauren Tod im Bücherregal‘ nicht zuletzt aufgrund der eigenen Erfahrung, wenn das Papier einer der Sonne ausgesetzten Tageszeitung sich zunächst bräunlich einfärbt und über kurz oder lang derart brüchig wird, so daß es zwischen den Fingern zerbröselt. Denn die Oxidation verwandelt das Aluminiumsulfat in Schwefelsäure.
Die in die hunderttausende gehenden Bücher, Zeitungen und Zeitschriften der Staatsbibliothek aus jenen Jahren - einzigartige Quellenwerke für die Geschichte des Kaiserreiches, der ersten deutschen Republik und des Nationalsozialismus - sind aufgrund der häufigen Nutzung in besonderem Maße gefährdet. Man kann diese fragilen Werke entsäuern und restabilisieren, man kann sie mikroverfilmen, doch was ist ein noch immer labiles Original, was ist ein nur in den Bibliotheksräumen mühsam zu benutzender schwarz-weiß-Film gegen ein im günstigsten Fall weltweit abrufbares Digitalisat?
Die Vorteile einer Bibliothek im Internet sind unabweisbar - und der kleine Exkurs hin zu den säuregeschädigten Büchern beweist zum einen die Praktikabilität der Digitalisierung, aber auch die schleichende Entleerung des Bücherregals im Bibliothekslesesaal. Im jenem Maße, in dem die Festplatten und Server durch die Digitalisate wachsen, reduziert sich die Zahl der historischen Bücher.
Denn eine Bibliothek ist kein Museum und kein Kuriositätenkabinett: zerfallene Antiquaria, die kaum mehr benutzbar sind, haben in einem ausschließlich dem Gebrauch dienenden Forschungslesesaal nichts zu suchen. Die Frage, ob die Bibliothek hinter den Kulissen die Fragmente des ,sauren Buches‘ für die Zwecke der buchhistorischen Forschung weiterhin aufbewahrt, ist von sekundärer Bedeutung; entscheidend ist zunächst die zur Tatsache heranwachsende Vermutung, dass das Digitalisat nicht allein zum beherrschenden Medium der Bestandssicherung avancieren wird, sondern das Buch - vielmehr die Inhalte des Buchs - langfristig in einen anderen Aggregatzustand überführen wird. These vier: das gedruckte Wort mutiert zum elektronischen Wort. Die Grundsatzperspektive einer solchen Migration des Gedruckten hin zum Zeichensatz ist unstrittig; die Geschwindigkeit und Ausschließlichkeit allerdings darf nicht überschätzt werden.

Ich möchte Ihnen diese etwas skeptische Zurückhaltung an einem sehr aktuellen Beispiel begründen. Als 1914 der Erste Weltkrieg begann, begann die damalige Königliche Bibliothek in Berlin augenblicklich mit dem Aufbau einer speziellen Kriegssammlung. Nichts sollte verloren gehen, alles Gedruckte, das sich in irgendeiner Weise mit dem Krieg befasste, sollte in Berlin, Unter den Linden, archiviert und für die Nachwelt bewahrt werden. Es entstand eine einzigartige Sammlung aus Schlachtenliedern und Agitationslyrik, propagandistischen Karten, Schützengrabenzeitungen und Karikaturen, Feldkochbüchern und antifranzösischen Kinderbüchern. Der größte Teil dieser Sammlung, um die 40.000 Heftchen, Bücher und Broschüren, hat die Zeitläufte und die Kriege überdauert.
Ein Großteil der Sammlung – Sie können es sich schon denken – wurde auf billigstem ‚Kriegspapier’ gedruckt und ist in seiner physischen Substanz stark gefährdet. Drei Jahre nun vor der 100. Wiederkehr des Jahres des Kriegsausbruchs im Jahr 1914 startete die Staatsbibliothek zu Berlin im vergangenen Jahr ein großes, EU-finanziertes europäisches Digitalisierungsvorhaben.
Seit Mai 2011 koordiniert die Staatsbibliothek das mit 5,4 Mio. € ausgestattete Projekt Europeana Collections 1914-1918, beteiligt sind zehn europäische Bibliotheken. Bis zum Jahr 2014, einhundert Jahre nach Ausbruch des Krieges, werden Historiker, Lokal- und Familienforscher, Lehrkräfte an Schulen und Universitäten, Archiven, Museen und historischen Gesellschaften und Vertreter der Medien neues Material in einer einzigartigen Gesamtschau bereitgestellt bekommen, das sie erforschen, in neue Kontexte stellen oder als Lehrmaterial und Ideenpool für alle Formen der Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg nutzen können.
Nichts läge nun näher, als flächendeckend mit dem Digitalisieren zu beginnen. Leider steht das deutsche Urheberrecht aber dagegen. Denn erst 70 Jahre nach dem Tod eines Verfassers oder einer Verfasserin dürfen wir die –dann rechtefreien – Digitalisate im Internet frei zugänglich machen. Nun ist ein Autor wie Ernst Jünger eine Ausnahme. Der 1895 geborene Jünger verstarb 103-jährig erst 1998, so daß sein erstes Werk, das Weltkriegsbuch „In Stahlgewittern“, tatsächlich erst im 2068 rechtefrei wird und als Digitalisat verbreitet werden darf.
Aber auch ohne derlei Extremfälle ist ein breites Digitalisieren dieser bedeutenden Weltkriegs-sammlung nicht möglich. Wer beispielsweise im Jahr 1915 einen Kriegsroman verfasste und zu diesem Zeitpunkt dreißig Jahre alt war, hat den Geburtsjahrgang 1885. Falls dieser Mensch beispielsweise 75 Jahre alt wurde, so verstarb er im Jahr 1960. Wenn wir aber im Jahr 2011 erst jene Werke digitalisieren können, deren Verfasser mindestens seit 70 Jahren verstorben sind, liegt die Zeitgrenze momentan beim Jahr 1941. Anders formuliert: wer nach 1941 verstorben ist, dessen Werke können und dürfen normalerweise nicht digitalisiert werden – und im Beispiel jenes Kriegsromans müssen wir noch fast zwanzig Jahre warten, bis das Urheberrecht erlischt. – Wer sich also, so meine fünfte These, fragt, warum noch immer alte Bücher in neuen Lesesälen stehen, der sollte auch bedenken: manche Bücher, die wir gerne längst in eine digitale Form überführt hätten, unterliegen dem restriktiven Urheberrecht.

Ein Lesesaal mit alten Büchern ist mehr als bedrucktes Papier mit Rückenschildern. These 6 lautet somit: Es ist der von Bibliothekarinnen und Bibliothekaren produzierte Mehrwert, der aus der Literaturproduktion etwas Neues und wertvoll Verwertbares generiert.
Ich rede von der Auswahl und von der Kategorisierung. Sven Felix Kellerhoff, er ist leitender Redakteur für Zeit- und Kulturgeschichte bei der „Welt“ und der „Berliner Morgenpost“ und zudem einer der kompetentesten Journalisten für bibliothekarische Fragen, strich vor einigen Wochen sehr zu recht die „Qualitätskontrolle“ heraus, die in Bibliotheken eine selbstverständliche Pflichtausgabe ist – und er hob jene Leistungen hervor, die einen physischen Lesesaal aus Holz, Glas und Stein von einem virtuellen Lesesaal im Internet unterscheiden:
„Nur was ausgebildete Bibliothekare zuließen, fand in den Regalen Platz; mit Zensur hat das nichts gemein, wie jeder unvoreingenomme Nutzer weiß. Solche Leitplanken aber fehlen im Chaos des Internets.“ Was für ein treffendes Bild – denn es ist beruhigend, sich der Verlässlichkeit einer Leitplanke anzuvertrauen. Die Leitplanken eines Lesesaales verkörpern Menschen, die nicht allein ihr bibliothekarisches Metier erlernt haben, sondern zuvor ein Fachstudium absolviert haben.

Wenn also schon alte Bücher, so möchte ich mit leiser Ironie bekräftigen, so handelt es sich zumindest um solche, die von ausgewiesenen Fachleuten ausgewählt wurden und die die wichtigsten Werke des jeweiligen Fächerkanons verkörpern.
Alte Bücher gibt es viele – beispielsweise bei Google Books, wo man sich bisweilen fühlt wie in einem elektronischen Bücherflohmarkt. Wo soll man mit der Lektüre beginnen, wo enden?
Sie werden anhand meiner bisherigen Ausführungen erkannt haben: die Frage der Bücher in den Lesesälen nehmen wir sehr ernst. Nicht etwa, weil wir Bibliothekarinnen und Bibliothekare uns so gerne mit Büchern umgeben und nichts lieber tun, als Bücher ständig neu zu sortieren – nein: wir sehen in gut ausgestatteten Lesesälen eine unserer ganz elementaren Aufgaben. Alte Bücher (und neue ebenfalls) in modernen Lesesälen: dies ist eine unser wichtigsten Dienstleistungen für die wissenschaftlich interessierte Leserschaft. Und die Tendenzen im Wissenschaftsbetrieb bestärken uns auch in der Richtigkeit dieser Überzeugung.
Denn seit alle nur noch interdisziplinär arbeiten, manche sogar nur noch multidisziplinär, ist es noch wichtiger geworden, auch über das im Laufe der Jahrhunderte kumulierte Wissen anderer Disziplinen einen raschen Überblick gewinnen zu können.
Die karibischen Reisen von Alexander von Humboldt nachzuzeichnen, ist eine reizvolle Aufgabe für Geographen und Kulturhistoriker; doch solche Forscher, die zumeist Studiengängen der ‚Humanities’ entstammen, verstehen in aller Regel nichts von sämtlichen Dingen, die dem STM-Bereich, also den Sciences, den Naturwissenschaften, der Technik oder der Medizin zuzuordnen sind.
Wer nun also Preußische Geschichte studiert hat und über Humboldt in Berlin als ausgewiesener Kenner gilt, sitzt einigermaßen hilflos vor dem Computer, wenn er ergründen will, was Humboldt in seiner Zeit von möglichen Infektionskrankheiten in Mittelamerika wußte (und überhaupt: wissen konnte), welche Präventivmaßnahmen er ergreifen konnte und welche Behandlungsmethoden in Europa im frühen 19. Jahrhundert existierten.
Es werden auch diese Fragen vermutlich irgendwie am heimischen Computer klären lassen, das Wörtchen ‚irgendwie’ sei freilich besonders betont. Es steht Ihnen frei, sich bei Amazon ein Buch zu bestellen (wissenschaftliche Werke haben freilich ihren Preis), Sie werden einen Gutteil Ihrer Fragen durch lange und fundierte Wikipedia-Beiträge beantwortet finden und Sie können in einem Internet-Forum von Medizinhistorikern Fragen an Hobby-Experten stellen, in der Hoffnung, daß man Ihnen seriös und umfassend antwortet.
Ja, es sei an dieser Stelle behauptet: die ganz überwiegende Zahl ‚normaler’ Fragen lässt sich heute völlig abgekoppelt von einer Bibliothek halbwegs überzeugend und auch sachkundig klären. Das Informationsmonopol, das Bibliotheken über Jahrhunderte hinweg besaßen, haben sie binnen eines einzigen Jahrzehnts verloren. Wohlgemerkt: ich spreche vom Informationsmonopol, also von der Ausschließlichkeit, die Bibliotheken bis zur wenigen Jahren zukam.
Bibliotheken stehen heute in einem Wettstreit mit anderen Informationsanbietern. Denn Bibliotheken arbeiten nicht mit dem kommerziellen Ziel der Profitmaximierung. Was bei uns in den Lesesälen steht, ganz gleich, ob die Bücher alt sind oder neu, dient keinem Gewinnstreben. Bei Büchern im Netz werden Sie überschwemmt mit Kommentaren oder Bewertungen, von denen Sie kaum jemals wissen, ob sie manipuliert oder sogar gefälscht sind. Als siebte These möchte ich somit behaupten: Bei Büchern in Bibliothekslesesälen können Sie gewiß sein, objektiv und verlässlich mit kanonisiertem Wissen bedient zu werden.

Es sind die Feuilletons der großen Zeitung jedoch gefüllt mit Untergangsszenarien. Seit Jahren stecken auch die besten Journalisten in dem Zwiespalt, einerseits konstatieren zu müssen, daß in vielen Städten bedeutende neue Bibliotheksgebäude an den Start gehen, andererseits verstummen die Prognosen nicht, die ein Ende des Buches und der Bibliotheken ankündigen.
Wer also tagein, tagaus von den sich vermeintlich so rasant verändernden Lesegewohnheiten spricht, tut dies häufig auf der Basis von bloßen Vermutungen. Spekulationen ersetzen die Empirie – und kaum jemand fragt zudem, so meine achte These, nach den Kosten der neuen digitalen Lesewelten.
Sie interessieren sich, es ist ein sehr glückliches Beispiel, für den Expressionismus in der Literatur; eine Epoche, in der die Zeitschrift als Informationskanal und als Publikationsplattform eine besondere Bedeutung besaß.
Die Zeitschriften, Jahrbücher, Sammelwerke und Anthologien des literarischen Expressionismus können nicht nur als Quellen zur deutschen Literatur der Moderne gelesen werden, sie ermöglichen auch Studien zur Geschichte der Kunst, des Theaters, des Films und der Musik zwischen 1910 und 1930 sowie zum europäischen Kulturtransfer und zur Rezeptionsgeschichte der deutschen Klassik und Romantik zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Sie sind ein einzigartiges Zeugnis der Zeitgeschichte. In kaum einer Bibliothek aber sind diese Zeitschriften überhaupt oder sogar vollständig vorhanden. Die Hefte sind auf schlechtem, holz- und säurehaltigen Papier gedruckt und überdies teilweise von höchster Seltenheit – man wird Ihnen diese Periodika also nur in Sonderlesesälen vorlegen. Fotografieren sieht man hier ungern, Fotokopieren ist untersagt, den Lesesaal verlassen dürfen diese Materialien aufgrund ihrer Schutzwürdigkeit ohnehin nicht.
Nun hat der Berliner Wissenschaftsverlag De Gruyter 151 Zeitschriften, Jahrbücher, Sammelwerke und Anthologien aus dem frühen 20. Jahrhundert digitalisiert, einer OCR-Texterkennung unterzogen und als Forschungsdatenbank aufbereitet. So großartig diese Datenbank auch ist, ihre Entwicklung hat zum einen beträchtliche Investitionen notwendig gemacht, die nun rekapitalisiert werden müssen; und zum zweiten handelt es sich um ein kommerzielles Verlagsprodukt, weshalb der Zugriff auf die Expressionismus-Datenbank mehr als 12.300 Euro kostet. Annähernd keine Privatperson wird diese 12.000 Euro aber aufbringen wollen und können. Der Nutzung elektronischer Quellen sind also mitunter sehr enge Grenzen gesetzt. Denn wer im klugen Feuilleton das Ende des Buchzeitalters ausruft, übersieht allzu rasch, daß gute Ware auch zumeist ihren guten Preis hat.
Nun muß das Problem der 12.000 Euro erfreulicherweise kein Problem bleiben – dank, Sie werden ahnen, wer nun ins Spiel kommt, wieder einmal die deutschen wissenschaftlichen Bibliotheken.
Auf dem Wege der sogenannten Nationallizenzen steht „Der literarische Expressionismus Online“ heute – unterstützt durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft – in quasi allen wissenschaftlichen Bibliotheken zur Verfügung, aber – und dies ist keine Tücke, die die Bibliotheken eingebaut haben, um die Abhängigkeit der Leserschaft künstlich und zwanghaft zu erhalten, sondern eine juristische Notwendigkeit – nur solchen Leserinnen und Lesern, die sich zuvor in einer Bibliothek namentlich angemeldet haben.
Die enge Symbiose zwischen dem wissenschaftlichen Benutzer und der Bibliothek besteht also noch immer, sie verlagert sich bloß ein wenig. Und noch immer ist die Bibliothek gefragt, die Kosten zu tragen. So war es schon seit jeher: eine preiswerte Studienausgabe konnte sich jede Studentin leisten, die teuren mehrbändigen Werke, die Fachlexika und die Fachzeitschriften überließ man zu kaufen der Bibliothek.
Ist die Bibliothek also nur noch gut genug, um das Geld bereitzustellen, damit die Leserschaft die Digitalisate anschließend am heimischen PC studiert? Denn sehr komfortabel sind die meisten der heutigen Angebote: der sogenannte „Remote Access“ ist ein Fernzugriff, der es ermöglicht, auch kostenpflichtige Verlagsdigitalisate nicht mehr nur in den Bibliotheksräumen nutzen zu können, sondern an jedem beliebigen PC.

Aber selbstverständlich ist dieser Service nicht: viele Datenbanken und CDs dürfen aus lizenzrechtlichen Gründen nur in den Lesesälen der Bibliothek benutzt werden. Es existieren allein aus den philologischen Bereichen nicht weniger als 153 CD-ROMs, die nur in den Lesesälen der Staatsbibliothek der Staatsbibliothek gelesen werden können. Nicht, weil wir es so wünschen, sondern aufgrund der engen Vorgaben der Verlage, die vermeiden wollen, daß das von Ihnen verkaufte Material unkontrollierbar und unübersichtlich verstreut wird.
Diese Restriktionen führen zu der etwas skurrilen Situation, daß wir manche Werke in der originalen Papierform anbieten (unser alter Druckschriftenbestand) und zugleich auch digitalisiert auf CD-ROM. Für beide Produkte bleibt Ihnen der Weg in unsere Lesesäle nicht erspart.
Wer somit den klassischen Bibliothekslesesaal totsagt, hat die Hintergründe nicht in allen Facetten ermessen. Von einer Literaturbeschaffung wissenschaftlichen Niveaus völlig jenseits von Bibliotheken und ihren Lesesälen sind wir noch sehr weit entfernt.
Die Situation wird also – These 9 - zunehmend unübersichtlicher und es ist kaum mehr zweifelsfrei auszumachen, warum ein Benutzer nun tatsächlich den Lesesaal einer Bibliothek konsultiert. Denn manch eine und einer nutzt den Lesesaal mit seinen historischen Büchern als Lernort. An den Büchern der Staatsbibliothek, an den historischen wie an den modernen, sind diese Benutzerinnen und Benutzer gar nicht interessiert. Ihnen genügt ihr Laptop und ihr Fundus an privateigenen Büchern, an Fotokopien und Notizen. Ein Bibliothekslesesaal ist ihnen eine Arbeitsumgebung, der der sie ungestört von dem mitunter massiven Ablenkungspotential des heimischen Schreibtisches arbeiten können. Ist der Verhaltenskodex auch merklich liberaler als vor einigen Jahrzehnten – „Füße auf dem Tisch“ gilt zwar als verpönt, wird aber auch nicht geahndet – , so herrscht letztlich doch eine Stimmung des konzentrierten wissenschaftlichen Arbeitens vor. Man ist umgeben von Fremden, die gänzlich andere Sujets erforschen, und die doch alle eines eint: der Wille, zu neuen Erkenntnissen zu gelangen.
Und als Steigerung dazu noch die historischen Bücher: Wer sich mit seinen Forschungen inmitten der Druckschriftenproduktion vergangener Jahrhunderte bewegt, dem wird immer wieder deutlich, daß menschlicher Fortschritt stets schriftlich fixiert und für die Nachwelt niedergeschrieben wurde, daß das Medium Schrift seit Jahrhunderten der Garant war für die Überlieferung.

Mit meiner 10. These komme ich zum Ende. Die Beschleunigung der Zukunft ist rasant; so rasant, daß jede Prognose letztlich Spekulation bleiben muß. „Die Digitalisierung macht überhaupt erst die Verbreitung kultureller und wissenschaftlicher Inhalte über das Internet möglich", sagte Kulturstaatsminister Bernd Neumann zur Eröffnung des 6. Kulturpolitischen Bundeskongresses am 9. Juni 2011 in Berlin“; und weiter:
"Dabei koexistieren alte und neue Medien bislang, ergänzen sich und profitieren auch voneinander. Es sieht derzeit nicht so aus, als ob die digitalen Formate beispielsweise die gute alte analoge Bibliothek verdrängen würden; es gibt im Gegenteil weltweit geradezu einen Bibliotheksboom."
Je mehr das Digitale Teil unseres Alltags wird, desto mehr gewinnt das Haptisch Greifbare an neuer Sympathie. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ fragte Ulrich Raulff, den Direktor des Deutschen Literaturarchivs, vor einigen Wochen in einem Interview nach eben diesem wiederentdeckten Reiz des Authentischen. Die Antwort von Herrn Raulff lautete: „Es mag schon sein, daß mit jedem Jahr, das wir länger in einer zunehmend digitalisierten Welt verbringen, das Verlangen nach originalen Zeugnissen größer wird. Vielleicht wächst einfach unser Vergnügen daran, vom Atem der Vergangenheit berührt zu werden.“
Dies sind Worte, die ich nur unterstreichen kann – und deren Richtigkeit nicht zuletzt dadurch unterstrichen wird, daß auch in Zeiten der Digitalisierung historischer Drucke das klassische Buchantiquariat wie auch die großen Auktionshäuser, die mit alten Büchern handeln, kein ökonomisches Desaster erleben. Oder, um es mit Ulrich Raulff treffend zu formulieren: „Digitale Zähne fallen noch viel schneller aus“.
Lassen wir also von einer mindestens mittelfristig friedlichen Koexistenz gedruckter und elektronischer wissenschaftlicher Texte ausgehen – ganz im Sinne des Buchhistorikers und Direktors der Universitätsbibliothek im amerikanischen Harvard, der größten Universitätsbibliothek der Welt, Robert Darnton. Er, Darnton, wurde gefragt, ob ihn als Buchhistoriker gar keine Wehmut befalle, das gedruckte Buch auf der Liste der gefährdeten Arten zu sehen – und er antwortete:
„Ich liebe Bücher, ich liebe, wie sie sich anfühlen, selbst wie sie riechen. Es ist leicht für mich, da sentimental zu werden. Aber ich glaube nicht, dass das Buch den gefährdeten Arten zuzurechnen ist.
Das Buch, also die Kodexform, ist eine große Erfindung, eine herrliche Maschine. Bücher liegen angenehm in der Hand, man kann sie durchblättern, man kann den Blick über die Seite schweifen lassen. Als Erfindung ist der Kodex einfach zu gut, als dass er vom Computer verdrängt werden könnte.
Mein nächstes Buch erscheint ganz normal bei der Oxford University Press, und zugleich wird es eine elektronische Version geben, die viel umfangreicher und komplexer ist. So könnten die beiden Kommunikationsmodi in Zukunft miteinander koexistieren.“
Vielen Dank.



Wir danken Ihnen, Frau Schneider-Kempf, für den anregenden Vortrag, der genau ins Zentrum unserer Vortragsreihe geführt hat!
