Aus Anlass des zehnten Jahrestages der Washingtoner Erklärung, die sich mit der Restitution von jüdischen Kulturgütern befasst, veranstaltete die Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Kooperation mit der Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste am 11. und 12. Dezember 2008 ein internationales Symposium unter dem Thema „Verantwortung übernehmen. NS-Raubkunst – Eine Herausforderung an Museen, Bibliotheken und Archive“ Im Rahmen der Lehrveranstaltung „Historische Bestände in Bibliotheken“ nahmen vier Studentinnen des 7. Semesters, Fachrichtung Bibliothek, am Nachmittag des 11.12.2008 in der Staatsbibliothek zu Berlin an der Tagung teil. Die fünf Vorträge dieses Tagungsblocks standen unter dem Motto „Provenienzrecherche- und forschung“.
Der Konferenznachmittag begann mit dem Vortrag „Provenienzforschung in Deutschland – Anmerkungen zur Entwicklung eines historischen Gegenstandsbereiches seit 1998“ des Kunsthistorikers Dr. Uwe Hartmann von der Arbeitsstelle Provenienzrecherche und -forschung Berlin. Ausgehend von dem Aufsatz „Alterssicherung, Ortssicherung, Individualsicherung“ von Willibald Sauerländer aus dem Buch „Kunstgeschichte. Eine Einführung“ erläuterte Dr. Hartmann zunächst die Ausgangsbedingungen für die Provenienzforschung. Er stellte heraus, dass viele europäische und internationale Kunstwerke zumeist eine weit reichende Provenienzgeschichte besitzen. In den seltensten Fällen befinden sie sich heute an ihrem ursprünglichen Bestimmungsort. Diese oft durch Kriege und Unruhen veranlasste „Odyssee“ der einzelnen Werke stellt die aktuelle Forschung vor enorme Probleme. Die Identifizierung wird erheblich erschwert, Verwechslungen sind möglich. Hartmann wies außerdem darauf hin, dass auch viele Besitzer die Spuren ehemaliger Eigentümer absichtlich verwischten.
Die Bemühungen auf dem Gebiet der Provenienzforschung stehen in Deutschland erst am Anfang. Noch mangelt es an Standards zur Erschließung von Objekten, sowohl im privaten wie auch im öffentlichen Bereich. Außerdem spielt die Erfassung der Herkunft in Katalogen und Verzeichnissen z. Zt. nur eine eher untergeordnete Rolle. Hier führte Dr. Hartmann die USA, Großbritannien und Österreich als positive Beispiele an.
Zur Abschaffung des Missstandes in Deutschland gab er zum Abschluss vier Empfehlungen:
Provenienzforschung ist somit für Dr. Hartmann keine vorübergehende Erscheinung, sondern wird in Zukunft die enge Zusammenarbeit von Bibliotheken, Archiven und Museen sowie kultureller- und zeitgeschichtlicher Forschungseinrichtungen erfordern.
Um die Geschichte der Methodik der Provenienzforschung in Museen ging es in dem Vortrag von Shlomit Steinberg. Die israelische Kunsthistorikerin und Kuratorin am Israel Museum in Jerusalem verdeutlichte besonders die Entwicklungen bei der Restitution von NS-Raubkunst seit 1998. Seitdem wurden vermehrt Datenbanken zur Erfassung von Kulturgutverlusten geschaffen, viele Bücher zum Thema geschrieben und zahlreiche Symposien abgehalten. Durch diese Aktivitäten ist laut Steinberg „Licht auf das schwarze Loch“ gefallen. Jedoch wies Steinberg auch auf die Komplikationen bei der Provenienzforschung hin. Der Prozess der Recherche sei sehr aufwändig und unzählige Unterlagen müssten noch gesichtet werden. Viele Überlebende würden nicht mehr Recht erfahren. Trotz allem betonte Steinberg die Wichtigkeit der Provenienzforschung, um die historische Verbringung von Kulturgütern nachzuvollziehen und die rechtmäßigen Eigentümer bzw. deren Erben ausfindig zu machen.
Dr. Michael J. Kurtz, National Archives and Records Administration in Washington, D.C., verwies in seinem Vortrag auf die Herausforderungen der Provenienzforschung für Archive: Zum einen stellen die alten und billig produzierten Papiere und Dokumente aus der Zeit des 2. Weltkrieges die Archivare vor die Frage, wie man sie am besten auf Mikrofiche übertragen kann. Zum anderen erschweren es die Sammlungsprinzipien von Archiven, der Provenienz nachzuspüren. Da die Materialien nicht thematisch, sondern nach dem Provenienzprinzip, also nach der Herkunft, geordnet und gesammelt werden, müssen oft verschiedene Orte geprüft werden, um die Geschichte eines Kunstwerkes zu rekonstruieren. Dass dabei eine anspruchsvolle und nutzerfreundliche Lösung gefunden werden muss, verdeutlichen auch die Zahlen: 15 Behörden haben ca. 15 Mio. Dokumente zum Holocaust und zur Raubkunst angelegt. Den Aufbau einer Datenbank von wichtigen nationalen und öffentlichen Archiven bzw. einem Netzwerk von Datenbanken sieht Kurtz als den „goldenen Weg“ zu einem gebündelten und internationalen Zugang zu relevanten Archivalien. Als Initiativprojekt stellte er ein im Internet zugängliches Archiv vor, das fünf wichtige Aktengruppen mit insgesamt 2,3 Mio. Bildern ab 2009 recherchierbar machen soll.
Mag. Margot Werner, Österreichische Nationalbibliothek in Wien, berichtete dann von ihrer Arbeit im Rahmen der Provenienzforschung. Sie hielt dabei fest, dass der Fokus oft nur auf Kunstobjekten liegt, jedoch Unmengen an geraubtem Gut auch in Bibliotheken vorhanden sind. So wurde beispielsweise bei ca. 52.000 Bänden der ÖNB die Erwerbung als bedenklich eingestuft.
Werner benannte drei Besonderheiten, die es bei der Provenienzforschung in Bibliotheken zu beachten gilt:
Aus diesen Besonderheiten ergeben sich entsprechend auch Probleme bzw. andere Ansatzpunkte bei der Provenienzforschung.
Abschließend stellte Frau Werner zwei Beispiele aus dem Bestand der ÖNB vor. Zum einen erläuterte sie den Fall von Norbert Jokl, einem Bibliothekar und Sprachwissenschaftler jüdischer Herkunft. Er kam in einem Konzentrationslager oder beim Transport dorthin ums Leben. Bände aus seiner Bibliothek wurden durch die Bindung erkannt, ein Besitzkennzeichen gibt es nicht. Die Suche nach Erben blieb in seinem Fall erfolglos, so dass die Bestände in der ÖNB verbleiben. Als zweites Beispiel beschrieb sie den Fall von Hugo Friedmann. Seine Bände wurden anhand seines Ex Libris identifiziert. Auch er ist in einem Konzentrationslager ums Leben gekommen.
Dr. Andrea Baresel-Brand von der Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste in Magdeburg analysierte in ihrem Vortrag „Datenbanken bei der Provenienzforschung“ und stellte Datenbanken aus den USA, Österreich und den Niederlanden, Tschechien, Frankreich, Großbritannien sowie Deutschland vor. Schwerpunktmäßig widmete sie sich der Vorstellung der „Lost Art Internet Database“. Die Datenbank dient zur Erfassung von Kulturgütern, die infolge der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und der Ereignisse des Zweiten Weltkrieges verbracht, verlagert oder – insbesondere jüdischen Eigentümern – verfolgungsbedingt entzogen wurden. Die Datenbank ist ein wichtiges Informationsportal, man betreibt aber keine Forschung. Lost Art ist ein Forum für Geschädigte und möchte auf erlittene Verluste aufmerksam machen.
In der anschließenden Diskussion wurde angemerkt, dass es in Deutschland wenige Eigentümerlisten gibt, die zur geschichtlichen Verfolgung einzelner Kunstschätze dienen könnten. Zur Verbesserung wurde vorgeschlagen, zum einen den Zugang zu Museumsarchiven für Eigentümer und deren Nachfahren für die Recherche zugänglich zu machen. Zum anderen sollten in Deutschland viel mehr Projekte finanziert werden, die im Resultat zeigen, was gestohlen wurde. Die Verzeichnisse des Einsatzstabes Reichsleiter Rosenberg (ERR), die bedeutendste Kunst- und Kulturrauborganisation des NS- Regimes mit ca. 1, 5-2 Mio. Objekten wurde allerdings bereits in verschiedenen Ländern auf Objektebene virtualisiert.
Dieses interessante Symposium mit internationalem Charakter sowie vielfältigen und abwechslungsreichen Vorträgen verdeutlichte noch einmal die Aktualität des Themas der Restitution von Kulturgütern und der damit verbundenen Provenienzforschung auch in Bibliotheken und Archiven.
Kathrin Agethen, Britt Hauck, Anne Mette, Antje Wenzel, 7. Semester Studiengang Bibliothek
