Am 9. Juni 1948 wurde der Internationale Archivrat (ICA) als Interessenvertretung und Austauschforum für Archivarinnen und Archivare gegründet. Von der deutschen Archiv-Community weitgehend unbeachtet, wurde das diesjährige Jubiläum der Gründung vom ICA zum Anlass genommen, den 9. Juni zum Internationalen Tag der Archive zu erklären und anzuregen, diesen Tag erstmalig weltweit zu begehen.
Auf dem 16. Kongress des Internationalen Archivrates, der vom 21. bis 27. Juli 2008 in Kuala Lumpur stattfand, gab es dann gleich mehrere Jubiläen zu feiern. Neben dem 60. Jahrestag der ICA-Gründung kann die Regionalbranche SARBICA (Southeast Asia Regional Branch), dem das Ausrichterland des Kongresses – Malaysia - angehört, in diesem Jahr auf eine 40jährige Tätigkeit zurückblicken.
Während der feierlichen Eröffnungszeremonie des Kongresses wurde das ICA-Gründungsjubiläum vom Minister für Unity, Culture, Arts and Heritage, Dato’ Seri Hj. Mohd Shafie bin Hj. Abdal, dann mit sechs Gongschlägen - für jedes ICA Jahrzehnt einen - zelebriert. Aber auch das Nationalarchiv von Malaysia als offizieller Ausrichter des Kongresses befindet sich im Jubiläumsjahr, denn es nahm seine Arbeit vor 50 Jahren auf. Auf diese Jubiläen nahmen sowohl der Minister als auch der ICA-Präsident Lorenz Mikoletzky und der Generaldirektor des Nationalarchivs von Malaysia, Sidek bin Jamil, in ihren Reden Bezug. 1200 Experten aus 138 Ländern hatten sich in Kuala Lumpur versammelt, um in den fachlichen Austausch zu treten und ihre Anstrengungen zu koordinieren.
Der Generaldirektor des Nationalarchivs von Malaysia beschreibt in einem Zeitungsartikel zum Archivkongress die Bedeutung der Archive wie folgt: „Archives are not only important for heritage preservation but also as means of transparency in a government.” Er stellt damit sehr eindrücklich den Bezug zum Motto des Kongresses „Archives, Governance and Development: Mapping Future Society“ her.
Die Veranstaltungsformate während des Kongresses waren: Seminar, Workshop, Avant Garde Session, Round Table, Work-in-Progress, Papers and Comment. Zusätzlich umfasste das Kongressprogramm Angebote zum Besuch von archivischen Einrichtungen in Kuala Lumpur. So nutzte die Autorin die Möglichkeit, das Nationalarchiv zu besuchen.
Das thematisch breit gefächerte Programm bot den Teilnehmern Gelegenheit, Projekte zu präsentieren, Arbeitsergebnisse vorzustellen, zu diskutieren und an deren Weiterentwicklung mitzuarbeiten.
Die Entwicklung internationaler Standards wie ISAD (G), ISAAR etc. wurde in mehreren Sitzungen und Workshops dargestellt. Aus den Bemühungen um die Entwicklung von Standards für die Verzeichnung entwickelte sich das Committee on Best Practices and Standards (CBPS), das sich seit 2004 für die Kooperation bei der Entwicklung von Standards für weitere Felder der archivischen Arbeit wie z.B. die Bewertung einsetzt und die Zusammenarbeit mit Berufsverbänden verwandter Berufsgruppen (wie der IFLA, ARMA und ICOM) bei der Entwicklung von gemeinsamen Standards fördert.
Während des Kongresses wurden dem Fachpublikum in einer besonderen Veranstaltung die Principles and Functional Requirements for Records in Electronic Office Environments vorgestellt, an deren Entwicklung Einrichtungen aus zwölf Ländern beteiligt waren. Das Projekt wird als Meilenstein in der ICA Geschichte bezeichnet.
Ein weiterer Schwerpunkt waren Digitalisierungsprojekte, der Aufbau von Webportalen und die Spiegelung von Websites. Mit PIAF, dem Portail International Archivistique Francophone , wurde ein Archivportal für Quellen aus dem französischen Sprachraum vorgestellt. Das Projekt Europäische Digitale Bibliothek (EDL) als Beispiel für gemeinsame Aktivitäten von Archiven und Bibliotheken, ihre Bestände über ein gemeinsames Portal zugänglich zu machen, wurde in einer anderen Sitzung präsentiert.
Die Archivierung von Websites als neue Herausforderung für Archive war Thema eines Workshops der Sektion der Archive von Parteien und Parlamenten (SPP).
Die veränderten Anforderungen an die Ausbildung von Archivaren und Records Managern wurden in verschiedenen Veranstaltungen angesprochen.
Vom Centre for Archive and Information Studies der University of Dundee, Scotland, wurden die Ergebnisse einer Studie zu Ausbildungsprogrammen für Archivare in Australien, Großbritannien und den USA vorgestellt und die Frage gestellt, ob diese Programme die sich verändernden Anforderungen reflektieren. Besonderen Wert wurde auf die Untersuchung von Fähigkeiten und Kompetenzen gelegt. In einem der Beiträge wurde hinterfragt, ob die Studenten während des Studiums dazu befähigt werden, sich im Laufe ihres Berufslebens von Studenten zu Managern zu entwickeln und welche allgemeinen Fähigkeiten sie dazu neben den beruflichen erwerben müssen. Insgesamt wurde für eine Ausbildung mit klarem Focus auf die Archivsparte plädiert.
Etwas anders sahen das Kollegen aus Kanada, die in ihrer Work-in-Progress Veranstaltung „Berufliche Identitäten und Informationsberufe im digitalen Zeitalter“ nachwiesen, dass Archivare, Bibliothekare und andere Information Professionals aufgrund neuer Dokumentenformate, Medienarten und Technologien gleichermaßen gefordert sind und dieser Entwicklung auch bei ihrer Ausbildung Rechnung getragen werden muss. Sie werden bei der Ausbildung „zusammenrücken“ (Beispiel University of Toronto), um sich ähnliche Kompetenzen anzueignen, da die Benutzer von allen Informationsmanagern in erster Linie einen sofortigen und einfachen Zugang zu Informationen erwarten. Für den Archivarsberuf lautete in dieser Sitzung das Berufsbild der Zukunft: „Archivists working in the cyberspace to seek and disseminate digital information.“
Wie auf dem ICA-Kongress in Wien gab es eine Veranstaltung, auf der Aktivitäten der UNESCO zur Erhaltung des kulturellen Erbes und der Förderung der kulturellen Vielfalt (Memory of the World Program) vorgestellt wurden. Das Welterbekomitee prüft die von den Mitgliedsstaaten eingebrachten Vorschläge von Kultur- und Naturgütern. Wenn sie die Kriterien erfüllen, einen „außergewöhnlichen, universellen“ Wert besitzen, können sie der „Liste des Weltkulturerbes“ (Memory of the World Register) hinzugefügt werden.
Auf nationaler, regionaler und internationaler Ebene arbeiten die Komitees, deren Ziel es ist, das dokumentarische Erbe der Menschheit in Archiven und Bibliotheken zu sichern und es durch die Nutzung moderner Informationstechnologien weltweit zugänglich zu machen. Die Aktivitäten des Komitees der Asien Pazifik Region MOWCAP (Asia Pacific Regional Committee for the Memory of the World Programme) wurden von Ray Edmondson näher vorgestellt und ein spezielles Produkt – das Coffee Table Book – erwähnt.
Zum Kongress gehörte wiederum die Fachmesse. Die Archive aus dem asiatischen Raum nutzten die Gelegenheit, sich zu präsentieren. Aber auch Anbieter von Archivsoftware, Archivausstattung und Geräten für die Digitalisierung waren zahlreich vertreten. Organisationen und Fachverbände informierten über ihre Arbeit und erstellte Publikationen. Großer Andrang herrschte am Stand des Nationalarchivs von Australien, das den nächsten Internationalen Archivkongress 2012 in Brisbane ausstatten wird.
Gut besucht war auch der Stand des ICA, an dem Informationsmaterialien zum ICA und den nationalen Archivverbänden sowie von Ausbildungseinrichtungen erhältlich waren. Auch der VdA war mit Material und Ansprechpartnern vor Ort.
Eine Kongressneuheit war der Einsatz der „fliegenden Reporter“ (Flying Reporters). Junge Berufsanfänger aus dem Archivwesen aus neun Ländern haben die Teilnehmer nach ihren Erwartungen an den Kongress befragt, Veranstaltungsberichte gegeben und Interviews mit Referenten gemacht. Die Berichte sind unter http://www.kualalumpur2008.ica.org/en/reporters abrufbar.
Christine Gohsmann
Diplom-Archivarin (FH)
