Am 24. Januar 2008 besuchte das 3. Semester des Studiengangs Archiv im Rahmen des Proseminars zur Überlieferung der DDR-Geschichte unter der Leitung von Prof. Susanne Freund die Zentralstelle der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU) in Berlin-Lichtenberg. Im dortigen Archiv wird die Hinterlassenschaft des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) verwahrt und erschlossen.
Zunächst wurden wir von Frau Hoene und Herrn Sebastian über die Bestände und Arbeitsweise der BStU ausführlich informiert. Wie wir während der Führung durch die Magazine des Archivs erfuhren, besteht das überkommene Schriftgut einerseits aus dem Bestand der bereits zu aktiven Zeiten des Staatssicherheitsdienstes archivierten, vor allem personenbezogenen Akten, andererseits aus dem Material, mit dem in den Diensteinheiten des MfS noch bis Ende 1989 gearbeitet wurde. Um die Jahreswende 1989/90 besetzten Bürger der DDR die Dienststellen der Staatssicherheit, wodurch diese Unterlagen vor der bereits angeordneten Vernichtung bewahrt werden konnten. Die Dokumente wurden in Bündeln zusammengefasst und gesichert. Bereits zerrissene, sog. „vorvernichtete“ Unterlagen wurden zunächst in Säcken verwahrt und werden seit Gründung der BStU nach und nach rekonstruiert. Bisher erfolgte dies manuell, derzeit wird in einem Pilotverfahren die virtuelle Rekonstruktion erprobt.
Daneben konnten in den Institutionen des MfS originale Findmittel sichergestellt werden, vor allem die zentralen Personenkarteien des MfS wie die allgemeine Personenkartei „F 16“, die Vorgangskartei „F 22“ oder die Decknamenkartei „F 77“. Diese Karteien wurden während der gesamten Zeit angelegt, in der das MfS bestand (1950 – 1990). Viele wurden in rotierenden Karteischränken, den „Karteipaternostern“ aufbewahrt. Die Personenkarteien verzeichnen Namen von Personen, die aus unterschiedlichen Gründen für die Staatssicherheit interessant waren. Die Registriernummern sind die Klammern zwischen den Karteien und funktionierten als Wegweiser zu den Akten. Diese Funktion erfüllen sie auch heute noch und so ist die Registrierung in einer der Karteien heute meist der Ausgangspunkt für die Personenrecherche.
Die Erschließung der Bestände erfolgt über die eigens entwickelte Datenbank SAE (Sachaktenerschließung). Prioritär wird die Bündelüberlieferung des 1989/90 in den Büros des MfS aufgefundenen Materials erschlossen.
Eine Besonderheit der MfS-Archivalien ist, dass sie sich fast ausschließlich auf Personen oder Personengruppen beziehen. Daher ordnete die Staatssicherheit ihre Akten auch nicht nach archivarischen, sondern gemäß ihrer Funktion als staatliches Überwachungsinstrument nach geheimpolizeilichen Prinzipien, und das bedeutet nach Personennamen.
Neben dem schriftlichen Erbe umfasst die Überlieferung auch zahlreiche audiovisuelle Datenträger, wie Fotos, Dias, Videos und Tonträger. So dokumentieren die in der BStU verwahrten Unterlagen in vielfältiger Weise die Aufgaben und Tätigkeiten sowie die Arbeitsweisen und Methoden des MfS als Macht- und Repressionselement der SED.
Außer der sicheren Aufbewahrung, Ordnung, Erschließung und Bereitstellung der vom MfS überkommenen Unterlagen gehört (nach §1 Stasi-Unterlagengesetz) die Gewährleistung und Förderung der historischen, politischen und juristischen Aufarbeitung der Tätigkeit des Staatssicherheitsdienstes zu den Aufgaben der BStU. Sie soll die Öffentlichkeit über Methoden, Struktur und Wirkungsweise der Stasi unterrichten. Um dieser Aufgabe nachzukommen, forscht die BStU selbst zur Geschichte des MfS und veröffentlicht Aktenauszüge und Forschungsergebnisse in eigenen Publikationen.
Forschung und historische Bildung zählen zu den zentralen Aufgabenbereichen der BStU, erklärte Herr Dr. Janowitz, der uns verschiedene methodische und didaktische Aspekte der Arbeit mit Schüler/innen vorstellte. Denn die Zusammenarbeit mit Schulen nimmt einen besonderen Stellenwert bei der Auseinandersetzung mit der SED-Diktatur ein.
Die BStU informiert aber auch mit Veranstaltungen, Ausstellungen sowie im Internet über neueste Erkenntnisse der DDR-Geschichte, ein Thema, das nicht nur uns weiter beschäftigen wird. Die Arbeit der BStU ist also noch lange nicht beendet!
Benjamin Christ, Danielle Rosendahl, Karoline Weiß (3. Sem. Studiengang Archiv)
